Was tun, wenn kein Geld für die Schultüte da ist, Taschenrechner und Schultasche unerschwinglich sind? Nach vier Jahren "Hartz IV" wird über den 211-Euro-Satz für Kinder diskutiert, auch dass sich davon kein Schulmaterial finanzieren lässt, hat sich herumgesprochen. Ab Herbst bekommen Schüler mit arbeitslosen oder gering verdienenden Eltern pro Schuljahr 100 Euro. Wie schlagen sich Familien mit wenig Geld durch den Schulalltag? Zwei Beispiele.
Wenn beim Discounter Schnellhefter im Angebot sind, schlägt Hilda Wirth (alle Namen geändert) zu. Dann kauft sie alle Farben und legt sie zu ihrem Vorrat an Collegeblöcken – kariert und liniert. Ohne Sammeln geht nichts. Hilda Wirth ist alleinerziehend und lebt, seit sie wegen einer Fußkrankheit nicht mehr in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten kann, mit Arbeitslosengeld II. Ihre Töchter Maike (14) und Marie (11) in einer fünften und einer sechsten Hauptschulklasse und der Sohn Tim (18), der zur Berufsschule geht, müssen mit dem zurechtkommen, was ihre Mutter in Discountern auftreibt – so günstig wie möglich.
Denn von den rund 870 Euro, die ihr und den drei Kindern zum Leben bleiben, geht alles für Essen, Kleidung, Telefon, Versicherungen drauf, da werden auch Kleinigkeiten wie ein Geodreieck oder Klebstoff zu Luxus. Ganz zu schweigen von Schultaschen – die hat Hilda Wirth immer nur in Raten abbezahlt.
Für ein ganzes Schuljahr werden 100 Euro kaum reichen
Auf teure Anschaffungen wie neue Sportschuhe müssen ihre Kinder oft einen Monat warten, genau wie die Lehrer, denen gegenüber Hilda Wirth die Situation durchaus anspricht.Wenn Größeres wie ein Ausflug ansteht, gibt die Schule ihr rechtzeitig Bescheid: Dann versucht sie über längere Zeit hinweg, noch mehr als sonst am Essen und allem anderen zu sparen.
Sind nun alle Probleme gelöst durch die 100 Euro, die bald als Unterstützung kommen? Hilda Wirth ist froh über die Diskussion, die jetzt endlich in Gang ist. Doch fürs ganze Schuljahr werden 100 Euro kaum reichen, sagt sie. Und ihr älterer Sohn in der Berufsschule geht leer aus – dabei bleibt von seiner Ausbildungsvergütung nicht mehr viel übrig, wenn er, wie gesetzlich vorgeschrieben, 200 Euro bei ihr abgibt, die dann bei ihr vom Arbeitslosengeld II abgezogen werden. Dass die bundesweite Regelung in ihrer ersten Fassung vom vergangenen Herbst Jugendliche ab der elften Klasse ausgeklammert hat, ist für sie ein Unding: "Sollen Kinder aus armen Familien etwa kein Abitur machen?"
Neue Rucksäcke und Federmäppchen: Das wär’s, wovon die Zwillinge Linda und Svenja Schmidt träumen. Sie sind 13 Jahre alt und alles, was sie haben, ist gebraucht. Doch es kommt nur noch selten vor, dass sie Wünsche äußern. "Sie fragen nicht mehr, sondern verzichten von selbst", sagt ihre Mutter Elke Schmidt. Linda und Svenja wissen, dass Schulsachen teuer sind. Dass ihre Geschwister Leo (8) und Sarah (17) auch nur das Nötigste bekommen. Als Elke Schmidt früher mal beim Sozialamt nachfragte, hieß es, Schulmaterial sei im Regelsatz drin – wie Essen, Kleidung, Fahrkarten und alles, was ein Kind so braucht.
Fahrten ins Schullandheim oder ein Schwimmbadbesuch sind nicht drin
Seit der Vater Martin Schmidt wegen einer Herzerkrankung seinen Job verlor, ist das Geld knapp. Mit "Hartz IV" lernten die Zwillinge nach und nach, was jetzt alles nicht mehr geht. Immerhin haben sie Glück: Ihre Lehrerin an einer siebten Hauptschulklasse achtet darauf, dass die Familien möglichst wenig belastet werden, Fahrten ins Schullandheim hat sie schon zwei Mal verschoben. Dieses Gespür fehlte den Lehrern von Sarah, der Ältesten, noch, sagen die Schmidts, mittlerweile werden die Schüler aus sozial benachteiligten Familien immer mehr. Doch längst nicht nur größere Anschaffungen gehen ins Geld, betont Elke Schmidt: "Da sind so viele Kleinigkeiten, an die man gar nicht denkt" – Bleistifte, Patronen, Tintenkiller, Klebestifte und dauernd neue Hefte. Und dienstags zwei Euro extra. Die bekommen die Zwillinge für den Spind im Schwimmbad – und dürfen das Geld behalten, um sich ausnahmsweise beim Schulbäcker eine Käsestange oder ein Laugencroissant zu kaufen.
Was ist das Schlimmste an ihrer Situation? Die Mädchen zucken verlegen die Schultern, die Fragen sind ihnen peinlich. Dafür antwortet ihre Mutter: "Mir tut weh, dass sie immer absagen müssen, wenn Schulfreundinnen fragen, ob sie ins Kino oder Schwimmbad mitkommen." Sie stellt fest, dass die Zwillinge zwangsweise Außenseiterinnen geworden sind – auch wenn sie nicht auf die Idee kommen, sich darüber zu beklagen.
Anja Bochtler
Quelle: www.badische-zeitung.de