Dienstag, 21. April 2009

"Ich als Obdachlose? Unmöglich!"

Wohnungslos – damit hätte sie nie gerechnet.
Krisen gab’s immer wieder in ihrem Leben. Alle hat Dora Engler (Name geändert), 62, gemeistert. Aber eine war besonders. Damals vor wenigen Jahren, als geschah, was sie immer für undenkbar gehalten hatte: "Ich als Obdachlose? Unmöglich!" Mit dem gutbürgerlichen Hintergrund, aus dem sie stammt, nach Jahrzehnten als Ehefrau eines Beamten – und nachdem sie ein Leben lang in ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester gearbeitet hatte.



Und doch war es passiert. Lange hatte Dora Engler einfach ignoriert, wie sich alles zuspitzte. Viel zu lange. Es fing damit an, dass die Klinik, in der sie arbeitete, Stellen abbaute. Sie wurde arbeitslos. Und welche Chancen hat eine Kinderkrankenschwester mit Ende 50, wenn es jüngere, billigere Kollegen gibt? Sie versuchte, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten, putzte, half in Cafés aus. Seit ihrer Scheidung war sie gewohnt, sich mit ihren vier Kindern mit wenig Geld durchzuschlagen, hatte immer gedacht: Schlimmer kann es nicht mehr kommen.

Jetzt waren die Kinder erwachsen und es wurde schlimmer. Dora Engler verschloss die Augen vor allem, was gescha, ignorierte die Mietrückstände, die Rechnungen, die sie einfach nicht mehr öffnete. Sie erzählte niemandem etwas, zog sich zurück. Warum hat sie nicht Hilfe gesucht, Arbeitslosengeld beantragt, mit irgendjemandem über ihre Situation geredet? Sie habe sich, sagt sie, entsetzlich geschämt. Irgendwann stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür, es folgte eine Räumungsklage. Dora Engler stand auf der Straße. Obdachlos: Das waren für sie immer diejenigen gewesen, die unter der Brücke schlafen, Welten entfernt von ihr. Jetzt gehörte sie dazu, auch wenn sie nie auf einer Parkbank oder unter einer Brücke übernachtete.

Mit ihrem allerletzten Geld kam sie ein paar Nächte in günstigen Pensionen unter, schließlich suchte sie Hilfe bei ihrem Sohn. Dort lebte sie vorübergehend in seiner Wohngemeinschaft, gemeinsam mit ihm in einem Zimmer, es war eng, dem Sohn war das alles peinlich. Auch ihren Kindern hatte sie nie gesagt, wie es um sie stand. Jetzt aber war klar: Sie schaffte es nicht mehr allein. In den "Gelben Seiten" stieß sie auf "Freiraum", die Beratungsstelle des Diakonischen Werks für wohnungslose Frauen.

Wie schnell und gut ihr dort geholfen wurde, bringt sie immer noch ins Schwärmen, genau wie die Arbeit des Vereins "Obdach für Frauen" (Off), wo sie seitdem mitarbeitet. Niemand dort hat ihr jemals Vorwürfe gemacht oder gefragt, warum das alles passiert ist. Alle haben einfach nur geholfen, damit sie Schritt für Schritt wieder Fuß fassen konnte. Das geht nicht so leicht, wenn man psychisch so am Boden ist, dass man die einfachsten Dinge nicht mehr auf die Reihe kriegt, sagt Dora Engler. Ein halbes Jahr kam sie im Wohnheim für wohnungslose Frauen in der Ferdinand-Weiß-Straße unter, wo sie auf Probleme stieß, die sie bisher nur aus dem Fernsehen gekannt hatte. Die meisten anderen, jünger als sie, hatten Schwierigkeiten mit Alkohol, anderen Drogen oder Gewalt in der Ehe hinter sich. Inzwischen hat sich in Dora Englers Leben alles einigermaßen geregelt. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, viel bescheidener als früher, und "Hartz IV" wird sie bis zur Rente begleiten. Doch damit hat sie sich abgefunden, und ein aktives Leben führt sie auch als Arbeitslose: Sie engagiert sich in der "Boutique le sac" von "Off" und bessert ihre mageren 351 Euro Alg II mit Nachbarschaftshilfe ein bisschen auf.
Kontakt: "Freiraum",  0761/ 70 75 260 , "Off",  0761/39866,
http://www.off-freiburg.de  

Autor: Anja Bochtler