Peter Mühlbauer
29.03.2012
Bürger der estnischen Hauptstadt sollen Busse und Bahnen künftig ohne Fahrschein nutzen können
Estland gilt als Land, das technischen und sozialen
Entwicklungen sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Das zeigt sich unter
anderem durch kostenlose WiFi-Zugänge und der 2005 eingeführten
Möglichkeit mit dem Computer oder dem Handy zu wählen.
Letzte Woche hielt Edgar Savisaar,
der Bürgermeister der estnischen Hauptstadt Tallinn, einen beratenden
Bürgerentscheid darüber ab, ob der öffentliche Personennahverkehr auf
ein fahrscheinloses Flatrate-System umgestellt werden soll. Dabei
sprachen sich 75,5 Prozent der Bürger für diesen Plan aus. Savisaar, der
der Zentrumspartei ("Keskerakond")
vorsteht, lobte die Bürger seiner Stadt nach Bekanntwerden des
Ergebnisses für ihre Innovationsbereitschaft und will das Vorhaben nun
ab dem 1. Januar 2013 umsetzen. Der von der Keskerakond dominierte Stadtrat hatte bereits vorher angekündigt, sich an das Votum der Bürger halten zu wollen.
![]() |
|
| Trambahn in Tallin. Foto: Doublex120. Lizenz: CC BY-SA 3.0. |
Anlass für das Vorhaben ist ein massiver Rückgang in der
Nutzung von Bussen und Bahnen und ein gleichzeitiger starker Anstieg
des Autoverkehrs und der Straßenverstopfung. Während 2001 noch ein
knappes Drittel der Tallinner öffentliche Verkehrsmittel nutzte, um zu
Arbeit zu kommen, greift heute nur mehr ein gutes Fünftel darauf zurück.
Alleine zwischen 2010 und 2011 sank die Zahl der Fahrgäste um 13
Prozent. Dieser Entwicklung soll die neue Flatrate Einhalt gebieten.
Die oppositionelle Reformpartei ("Reformierakond")
kritisiert den Plan als "Populismus", weil er Savisaar bei den nächsten
Kommunalwahlen im Oktober 2013 nützen könnte, und warnt vor Obdachlosen
und Kriminellen, die sich zukünftig schwerer vom ÖPNV fernhalten
ließen. Außerdem hat man Zweifel daran, dass es bei den
Haushaltsumschichtungen zur Erhöhung des Verkehrszuschusses um 40
Prozent gerecht zugehen wird. Inwieweit bei Kontrolleuren eingespart
werden kann, ist noch nicht klar, weil Touristen weiterhin bezahlen
sollen. Eine Alternative dazu wäre eine Hotelsteuer






